Archäopteryx


 

 

Hilfe – Nein Danke!

 

Eigentlich wollte ich ein Referat machen über fossile Brückentiere oder Mosaikbindetiere. Natürlich wusste ich, dass meine Mutter in der zwölften Klasse zu diesem Thema mal ein Referat gemacht hatte, ein Einser-Referat – wie praktisch. Und weil sie nie etwas wegwerfen kann, gibt es das Referat noch als schrifftliche Unterlage – noch praktischer. Da könnte man ja vielleicht schummeln und abschreiben – dachte ich. Mein endgültiges Referatsthema hieß dann „Archäopteryx“. Mache ich doch mit links. Leider stellte ich dann fest, dass mir das Referat meiner Mutter wenig nützte. Es wimmelte nur so von Fachbegriffen und Fremdwörtern. Außerdem stand dort relativ wenig über den Archäopteryx. Aber so schlimm ist das auch nicht. Denn meine Mutter kann mir helfen und was gibt es schon groß über so einen kleinen Vogel zu berichten?

 

Anfangs fand ich es ganz gut, dass sie mir erklärte, wie man so ein Referat aufbauen und strukturieren kann. Aber dann hat mich ihre „Hilfe“ ganz schön genervt. Sie stellte andauernd Fragen. „Was ist Evolution, Paläontologie, Lithographie, Mutation? Wenn du diese Begriffe nicht erklären kannst, darfst du sie auch nicht benutzen. Aber wenn du sie für dein Referat brauchst, dann musst du sie erklären.“ Na toll! Die Bücher begannen sich zu stapeln. Auf den Schreibtisch passten sie schon lange nicht mehr und bedeckten bald den gesamten Fußboden. Bücher, Bücher und nix wie Bücher. Jede Frage meiner Mutter ließ das Referat anwachsen und oftmals fragte ich mich: was hat denn das mit dem Archäopteryx zu tun? Und prompt kam ein neues Buch dazu. Langsam merkte ich, dass mein Thema viel zu umfangreich ist. Also sann ich auf einen Ausweg. Schließlich hält sich mein Strebertum stark in Grenzen. Mein Bruder ist eine faule Socke. Freiwillig würde er mir bestimmt nicht helfen. Oder doch? Denn Helge interessiert sich sehr für Steine, Fossilien, Urviecher, Archäologie und Geschichte. Und vor allen Dingen hat er nichts gegen Bücher. Unser Urlaub läuft immer gleich ab. Helge liest und liest und liest.

 

Schließlich meckert meine Mutter, wieso wir überhaupt weggefahren sind, nimmt ihm das Buch weg und schmeißt ihn aus unserem Campingbus raus. Er murrt, bis er einen interessanten Stein oder Muschel gefunden hat. Nun ist er nur noch unterwegs und vor dem Bus stapeln sich seine Fundstücke. Meine Mutter setzt seiner Sammelleidenschaft irgendwann eine Grenze. Alles muss in diese Tasche passen, wenn nichts mehr reingeht, muss aussortiert werden. Und auf dem Heimweg kriecht unser altersschwacher Bus nur noch wie eine Schnecke.

 

Besorgte Gedanken, dass er seinen Geist aufgibt, sind unbegründet. Denn wenn Helge zu Hause seine Tasche und all seine Geheimverstecke mit Steinen geleert hat, fährt der Bus wieder einwandfrei.

 

Wegen Helges Leidenschaft für Archäologie und Vulkanismus fuhren wir nach Pompeji

  

Foto: Straße in Pompeji, co Immanuel Giel 

 

und er brockte uns auch mal ein Wochenende im Solnhofer Steinbruch ein.

 

Also müsste ihn mein Thema doch interessieren. So fragte ich ihn und überraschenderweise war der Faulpelz unter der Bedingung, dass das dann auch sein Referat ist, bereit zu helfen. Er übernahm schwerpunktmäßig die Dinos in Verbindung mit dem Archäopteryx und arbeitete an Erdgeschichte, Fossilienkunde und Begriffserklärungen mit.

 

Besonders schwer tat ich mich mit der Entstehung der Plattenkalke. Denn unter einer Lagune konnte ich mir nichts vorstellen. Für die Entstehung des Lagunenbodens bräuchte ich auch bessere Chemiekenntnisse. Das Kapitel über den Schulversager fand ich lustig. Hätten sich Helge und Darwin beide als Jungen im gleichen Alter gekannt, wären sie bestimmt glänzend miteinander ausgekommen. Aber vermutlich gäbe es dann keine Alpen mehr, weil sie die für ihre Gesteinssammlung abgebaut hätten. Und was habe ich insgesamt aus diesem Referat gelernt? Dass ich das nächste Referat meiner Mutter verheimlichen werde und auf ihre Hilfe verzichte. Dann bastelt sie mir keine Fehler beim Korrekturlesen ein, weil sie mit der neuen Rechtschreibung nicht zurecht kommt und der Archäopteryx behält große statt grosse Augen.

 

Außerdem ist sie mit ihrem ewigen Nachbohren echt nervig und schlimmer als alle Lehrer zusammen. Bei denen brauche ich nur lernen und muss nicht noch begeistert sein.

 

 

 

 

 

 

 


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